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Martin Schenk (c) Nadja Meister

Martin Schenk, Diakonie Österreich

Die Türen schließen. Der Zug fährt ab. Eine Stimme aus dem Lautsprecher ertönt. „Seien Sie achtsam: andere Fahrgäste benötigen Ihren Sitzplatz vielleicht notwendiger.“ So heißt es neuerdings in der Wiener U-Bahn. Kleine Revolution im Durchsagebereich. Nicht die Pflicht ruft, sondern die wachen Sinne sollen in den Verkehrsbetrieben den Schwächeren zum freien Platz verhelfen. Die neue Durchsage arbeitet mit einem sorgeethischen Bezugsrahmen. Die Care-Ethik weist auf menschliche Haltungen hin, die für gute Beziehungen untereinander nötig sind. Dazu zählt die Haltung der Achtsamkeit: das aufmerksame Durch-die-Welt-gehen ist eine Voraussetzung dafür, anderen Menschen gerecht zu werden. Wer den Platz „notwendiger braucht“, soll durch Beobachtung klar werden, nicht durch Pflichterfüllung. Der Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Einen lückenlosen Pflichtenkatalog oder gar Tugendzwang kann der Staat nur um den Preis von Totalitarismus und der Aufgabe von Freiheit erzwingen. Ähnlich lebt auch der Sozialstaat von Voraussetzungen, die er selber nicht schaffen kann. Dass es Mindestsicherung als Schutz vor Verelendung gibt, hängt auch von der Solidarität ab, die einer Gesellschaft innewohnt. Armutsdefinitionen bringen ja meist weniger zum Ausdruck, was ein Mensch braucht, als vielmehr, was die Gesellschaft ihm zuzugestehen bereit ist. Und dass es Verständnis für Schwächere gibt, Brücken zueinander, Solidarsysteme Akzeptanz erhalten, hängt davon ab, ob Menschen auch selbst diese Brücken bauen oder selber sind.

Da ist ein Spalt

Der Zug hält in der Station. Die Türen gehen auf. Eine Stimme aus dem Lautsprecher ertönt: „Bitte seien Sie achtsam. Zwischen Bahnsteig und U-Bahn Tür ist ein Spalt.“ In diesem Spalt kann aber auch die Achtsamkeit verschwinden. Strukturen strukturieren auch Haltungen. Das läuft in beide Richtungen. Solidarische Bedingungen prägen und definieren  Werthaltungen. Gesellschaften mit stärkerem sozialen Ausgleich weisen höhere Lebenserwartung, geringeren Statusstress, höheres Vertrauen, mehr Inklusion und mehr Gegenseitigkeit auf.

Also mehr Achtsamkeit bei gleichzeitig höherer sozialer Ungleichheit funktioniert nicht. Zur Achtsamkeit zu rufen und gleichzeitig die sozialen Bedingungen verschärfen, das geht nicht zusammen. Zur Achtsamkeit zu rufen und gleichzeitig keine Ressourcen zur Verfügung haben, das passt nicht zusammen. Es braucht immer auch Ermöglichungsbedingungen. Man muss Dinge nicht nur können, sondern auch können können. Heißt:  Meine Fähigkeiten müssen zusammenpassen mit den Ermöglichungsbedingungen, diese Fähigkeiten auch einsetzen zu können. Das ist keine banale Frage. Meine vielen Ausbildungen und Zusatzqualifikationen nützen mir nichts, wenn es keine Jobs gibt. Erfahren zur Zeit viele junge Leute. Inklusion von Kindern mit Behinderungen funktioniert nicht, wenn es zu wenig Integrationslehrer gibt. Erleben viele in den Schulen. Wenn geschlossene „Ausländerklassen“ zum Deutschlernen errichtet werden, wenn zweisprachige BegleitlehrerInnen an allen Ecken fehlen, wenn nicht durchmischte Restklassen entstehen, wenn die Klassen überfüllt sind, wenn die Raumarchitektur flexible, vielfältige Lernformen nicht zulässt – dann wird es nichts mit der Integration. Ich war gerade mit Eurodiakonie in einigen europäischen Ländern, die sozialen Entwicklungen seit der Finanzkrise zu studieren, zuletzt in England. „Die Regierung bietet uns Grütze und sagt uns dann, sie schmeckt wie Kaviar“, sagt mir Jugendarbeiter Sameer aus London. Die Jugendzentren werden geschlossen, die Unterstützung für günstige Wohnungen um 60% gekürzt, die Schulen verfallen, prekäre Jobs breiten sich aus – und die Regierung nennt das dann ihre „Big Society“.

Da ist ein Spalt. Bitte, seien Sie achtsam.

Martin Schenk ist Sozialexperte der Diakonie Österreich

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