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Ansprache beim Reformationsempfang

Kardinal Dr. Christoph Schönborn

24. Oktober 2017, Musikverein Wien

 

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!

Lieber Bischof Bünker!

Geschätzte Festversammlung!

„Dass sie alle eins seien“ (Joh 17,21): das war Jesu Bitte am Ende seines irdischen Lebens, kurz vor dem Kreuz. Aber mit der Einheit derer, die Jesus als Herr und Meister anerkannten, gab es von Anfang an Schwierigkeiten. Keine 25 Jahre nach Ostern muss Paulus seiner Gemeinde in Korinth schreiben: „Es ist mir bekannt geworden, … dass Streit unter euch ist … dass unter euch der eine sagt: Ich gehöre zu Paulus, der andere: ich zu Apollos, der Dritte: Ich zu Kephas, der Vierte: Ich zu Christus. Wie? Ist Christus etwa zerteilt? Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt?“ (1 Kor 1,11-13).

Christentum – eine Geschichte der Spaltung? Was wurde aus dem großen Traum der Einheit? Das II. Vatikanische Konzil sieht in der Kirche „gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ (LG1). Was für eine grandiose Vision! Und wie ernüchternd ist die Realität. Ist deshalb die Vision falsch? Ist der Traum ein Gespinst? Die Frage ist letztlich, ob Jesu Evangelium eine Utopie ist oder ein realer, konkreter Weg. Kann man – nach all den Spaltungen, Dramen, Kriegen der Christenheit – auch heute mit voller Überzeugung sagen, was Paulus am Anfang seines Briefes an die Gemeinde von Rom geschrieben hat:

„Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen“ (Röm 1,16). Die Überzeugung von der Kraft des Evangeliums hat in den 20 Jahrhunderten der Christlichen Bewegung nicht nur Spaltungen und Konflikte bewirkt, sondern – ich wage zu sagen – vor allem Erneuerung, Inspiration, Transformation, unzählig Gutes und Großes, im Kleinen wie im Großen, bewundernswerte Gestalten, Persönlichkeiten, an denen die „Kraft des Evangeliums“ sichtbar und geschichtlich wirksam wurde. 

Was bewog Luther vor 500 Jahren, als er seine Thesen aussandte? Sicher nicht die Gründung einer anderen Kirche. Sicher nicht eine neue christliche Konfession, sondern allein das Zeugnis für die Kraft des Evangeliums und diese Kraft sah er in den Worten des Apostels Paulus ausgedrückt: „Darin (im Evangelium) wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: Der Gerechte wird aus Glauben leben“ (Röm 1,17). Mit unermüdlicher Energie hat Luther diesen Kern des Evangeliums verkündet, verfochten, verteidigt. Aus heutiger Sicht sind viele der damaligen Polemiken nur schwer nachvollziehbar. Aber sie bezeugen einen Ernst, eine Leidenschaft im Ringen um das, was jede Seite für das Innerste, das Heiligste und Kostbarste am christlichen Auftrag hielt. Dass daraus die große Kirchenspaltung wurde, hat nicht zuletzt Luther selber erschreckt. 1522 schrieb er in drastischen Worten von seinem Entsetzen, dass erste „lutherische Gemeinden“ entstanden: „Wie käme denn ich armer stinkender Madensack dazu, dass man die Kinder Christi sollte mit meinem heillosen Namen nennen? Nicht also, liebe Freunde, lasst uns tilgen die parteiischen Namen und Christen heißen, des Lehre wir haben“.

Parteiische Namen – schon Paulus musste dagegen kämpfen, wie wir sahen. Christen wollen wir heißen, da wir die Lehre Christi haben. Sie bringt uns zusammen. Sie verwirklicht die letzte Bitte Jesu, dass alle eins seien.

Heute, nach 500 Jahren, ist Luthers Schrecken über „lutherische Gemeinden“ statt einfach Christengemeinden in vieler Hinsicht überwunden. Die Religionskriege unter Christen – gebe Gott, dass sie wirklich für immer der Vergangenheit angehören. Anderes, Neues, Hoffnungsvolles ist gewachsen, aus vielem Leid, aber auch aus neuer Gemeinsamkeit im Hören auf das Evengelium, aus gegenseitiger Vergebungsbitte, aus Besinnung auf die alle Christen tragenden und so oft tragisch vergessenen oder gar verleugneten jüdischen Wurzeln, ohne die Jesus Christus nicht zu verstehen wäre. Und nicht zuletzt durch die gemeinsam getragene Verantwortung für den gesellschaftlichen, sozialen, caritativen Auftrag der Christen.  

Papst Benedikt hat im Jahr 2012 im Blick auf den langen Weg der katholisch- lutherischen Ökumene ein Wort gesagt, das in seiner Schlichtheit wie ein Leitstern für den weiteren Weg erscheint. Worum gehe es in der Ökumene? Er sagt: „Geht es nicht darum, aufeinander zu hören und voneinander zu lernen, was es heißt Christ zu sein?“

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