Das Rind

„Drei Mal werden wir noch wach: Heißa! Dann ist Weihnachtstach!“ Diesen Hit hatte uns unsere Mutter beigebracht. In der Adventszeit las sie uns jeden Abend eine Geschichte vor und auf der Weihnachtsuhr, einem vergilbten Karton mit 24 Zahlen im Rund und einem Zeiger in der Mitte, wurde eben dieser Zeiger Abend für Abend vorgerückt. Unter der Weihnachtsuhr stand ein Vierzeiler in Frakturschrift: „Gib acht auf diesen hellen Schein, der aufgegangen ist! Er führet dich zum Kind hinein, das heißet Jesus Christ!“ Keine Perle abendländischer Lyrik, aber für meine Zwecke genau das Richtige. Ich war noch im Kindergarten, konnte aber lesen und schreiben. Beides hatte ich mir selbst beigebracht. Mittels Fix & Foxi. Dank dieses „Schundhefts“ hatte ich eine neue Welt erschlossen. Alles musste entziffert werden! Hätte ich in der Schule Lesen und Schreiben gelernt, die Lust daran wäre schnell verflogen. Aber so war es ein Abenteuer. Und meine Chance!

An Heiligabend durften die drei „Großen“, Johannes, Dorothea und Sigmar ein Gedicht vortragen. Die drei „Kleinen“, Jörg-Martin, Adi und Bernhard, durften zuhören.

 

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v.l.n.r.: Adi, Dorothea, Johannes, Sigmar, Jörg-Martin. vorne: Bernhard

 

Nach jedem Gedicht wurde aus dem Quempasheft ein Lied gesungen. Dann kam die Bescherung. Aber bevor das Glöckchen läutete, stellte ich mich vor den geschmückten Baum, rief: Ich kann auch ein Gedicht! und begann: Gib acht auf diesen hellen Schein, der aufgegangen ist! Er führet dich zum Rind hinein, das heißet Jesus Christ!“ Großes Gelächter! Es gab Tränen vor Lachen. Und meine Tränen vor Wut! Ich fühlte mich gedemütigt und widmete mich den Weihnachtskeksen.           Im neuen Jahr stieß ich auf „Max und Moritz“ und binnen kurzer Zeit hatte ich alle sieben Streiche auswendig parat.

Aber Wilhelm Busch, obwohl in einem evangelischen Pfarrhaus groß geworden, Wilhelm Busch durfte an Heiligabend nicht vorgetragen werden.

 

Jörg-Martin Willnauer ist ein in Graz lebender Künstler.

Seit dem 4.12.2016 erscheint seine Kolumne unter dem Titel DER KAHLE SÄNGER vierzehntägig jeweils am Sonntagvormittag. Die nächste Ausgabe folgt also am 1. Jänner 2017.

Dezember 18, 2016 Jörg-Martin Willnauer

Missa Concertata & Geistliche Concerten von drey und vier Stimmen
Gernot Heinrich, Teno / dolce risonanza

Konzertreihe anlässlich der Ausstellung „Brennen für den Glauben. Wien nach Luther“ im Wien Museum

Betrachtung von Margot Käßmann

Freiheit ist ein Grundbegriff der Refomation und bis heute von zentraler Bedeutung.