Diesen Artikel jetzt teilen

Liebe Gäste des Reformationsempfangs,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

in 15 Minuten einen Bericht zu geben über die Vorbereitungen auf das Jahr 2017, ist gewagt. Die stunden- und tagelange Arbeit der Vorbereitungsgruppe, die Bücher, die zum Anlass erschienen sind und schon Bibliotheken zu füllen beginnen, die Komplexität der Aufgaben – alles das ist schon eine rechte Herausforderung. Dazu kommt, dass wir heute, drei Jahre vor dem Tag X, einiges auf Schiene haben, aber noch vieles im Ideenstadium.

Die Reformation ist eine Weltbürgerin. Die befreiende Erfahrung des wiederentdeckten, wieder freigelegten Evangeliums von Jesus Christus führte zu einer Neubestimmung im Verhältnis des Menschen zu Gott, zu sich selbst, zu den Mitmenschen und zur Welt. Reformation kann nicht beschränkt werden auf ein kirchliches Erneuerungsprogramm. Solche Erneuerungen sind immer notwendig, Ecclesia semper reformanda. Aber Reformation meint mehr als Reform. Sie war ein Aufbruch weit über die Kirche hinaus. Ein Aufbruch, weit über das 16. Jahrhundert hinaus, mit Auswirkungen bis heute. Deshalb bedeutet auch das Reformationsjubiläum, nicht nur sich selbst zu feiern, sondern aufzubrechen in die Welt.

Viele haben es noch so gelernt: Am Vorabend von Allerheiligen im Jahr 1517 schlägt der wutentbrannnte Mönch und Professor Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablass mit wuchtigen Hammerschlägen an die Türe der Schlosskirche in Wittenberg. Die Hammerschläge waren weithin zu hören, sogar bis nach Rom. Wirklich eine gute Geschichte, aber historisch umstritten. Zudem sehen wir, dass die Reformation da und dort lange vor 1517 begonnen hat. Unsere tschechischen Nachbarn gedachten vor kurzem der Wiedereinführung des Laienkelchs vor 600 Jahren und werden im kommenden Juli an Jan Hus und seinen Märtyrertod im Jahr 1415 erinnern. Für die Reformierten ist 1517 eher ein Auftakt, der wirkliche Beginn der Reformation war dann zwei Jahre später. Und die Methodisten stehen in der Tradition der Reformation, vielleicht schon von John Wyclif, sicher aber von Luther. Wir sehen einen europaweiten Aufbruch, an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten, der mit Martin Luther und dem Jahr 1517 so etwas wie den symbolischen Brennpunkt und damit den vereinbarten Termin erhält.

Apropos Europa! 2017 wird europäisch gefeiert. Die Gemeinschaft Europäischer Kirchen in Europa (GEKE) knüpft ein Netz europäischer Städte der Reformation. In Österreich hätten wir gerne Wien, Steyr, Klagenfurt und Graz dabei, Villach ist schon nominiert und andere kommen vielleicht noch dazu. Deutschland wird eine besondere Rolle einnehmen, vom Kirchentag in Berlin bis zur Weltausstellung der Reformation in Wittenberg. Evangelisch in Europa. Evangelisch für Europa. Für das Zusammenleben in Vielfalt auf der Grundlage der gleichen Rechte für alle. Für sozialen Ausgleich und die Verantwortung vor den kommenden Generationen. Für eine menschenwürdige Politik, die den Frieden fördert und denen Hilfe gibt, die auf der Flucht sind.

Nein, 2017 ist nicht nur eine Rückschau! Gerade die Evangelischen hierzulande haben keinen Grund dafür. 2017 ist unser erstes Reformationsjubiläum als „freie Kirche im freien Staat“, das erste auch im Zeitalter der Ökumene. Nicht überschattet von den Religionskriegen und der Gewalt, die Evangelische erfahren haben und auch selbst ausübten, nicht von den zerstörerischen nationalen Konflikten, in denen Gott und Glaube instrumentalisiert wurden für vermeintlich „heilige“ Kriege wie vor hundert Jahren im Ersten Weltkrieg und dem Reformationsjubiläum 1917. Statt der Legitimation des Krieges setzen sich heute die Kirchen für einen gerechten Frieden ein. Nichts Belastendes in der Geschichte soll unter den Teppich gekehrt werden, auch nicht die Schattenseiten, etwa die judenfeindlichen Äußerungen Martin Luthers, von denen sich die Evangelischen Kirchen losgesagt haben, oder die Schuld, die auch Evangelische gegenüber den täuferischen Bewegungen auf sich geladen haben. Aber der Blick richtet sich nicht zurück, sondern nach vorne. Erinnern für die Zukunft!

Daher ist uns das Miteinander besonders wichtig. Gemeinsam bereiten sich die drei Evangelischen Kirchen auf das Jahr 2017 vor. Drei Jahre mit Schwerpunktthemen sind ausgemacht worden: 2013 das Jahr der Diakonie, 2015 das Jahr der Bildung (wir werden dazu noch Näheres hören) und dann 2017 das Jahr des Glaubens. Dieses Miteinander gilt auch den Gemeinden und Einrichtungen unserer Kirchen, die an der inhaltlichen Ausrichtung beteiligt sind. Das ist wohl typisch evangelisch, denn die um das Wort versammelte Gemeinde, die congregatio, ist die Urgestalt von Kirche, jede von ihnen ganz Kirche, aber keine von ihnen die ganze Kirche. Dennoch können wir darauf ein bisschen stolz sein, denn soweit ich sehe haben nur die evangelischen Kirchen in Österreich den Diskussionsprozess darüber ganz offen gestaltet, was wir miteinander im Jahr 2017 in die Auslage stellen wollen. Auch dazu gleich noch mehr. Und Miteinander natürlich auch in der Ökumene, vor allem mit der römisch-katholischen Kirche und den Kirchen, die sich auf die täuferische Tradition zurückführen, die Mennoniten und Baptisten zuerst aber nicht allein.

Wir wollen nicht allein feiern, aber „allein“ wollen wir schon feiern! Angesichts der gespaltenen Christenheit unter drei Päpsten im sogenannten abendländischen Schisma, das mit dem Konstanzer Konzil beendet wurde, hat Jan Hus betont, dass Jesus Christus allein das Haupt der Kirche ist. Diese Christuskonzentration nahmen die Reformatoren hundert Jahre später auf und betonten: allein der Glaube – allein die Gnade – allein das Wort, das die Schrift bezeugt. Der Mensch kann bestehen in Zeit und Ewigkeit nicht aus eigener Kraft und Leistung, nicht aus Selbstanklage und Selbstrechtfertigung, sondern allein weil Gott ihn liebt. Diese Befreiungsbotschaft des Evangeliums ist heute nötig wie eh und je, vielleicht sogar besonders nötig. Wie es gelingt, sie verständlich und erfahrbar zu machen, das ist die Herausforderung, vor der wir als Kirchen gemeinsam stehen.

Damit sind wir bei den zentralen Inhalten des Reformationsjubiläums. Sie haben ihre Auswirkungen auf die Oikumene, das ökumenische Miteinander der Kirchen. Denn der kritische Maßstab des Evangeliums gilt nicht nur den Evangelischen Kirchen allen. Die Freude am Evangelium und die Freude des Evangeliums – Evangelii gaudium! – verbindet uns. So kann das Reformationsjubiläum eine Chance sein, „vereint in den Unterschieden voranzugehen (ich zitiere Papst Franziskus!), es gibt keinen anderen Weg, um eins zu werden. Das ist der Weg Jesu.“ Wenn sich die Evangelischen Kirchen in ihrer Eigenart erkennbar auf diesen Weg machen, dann tun sie es als selbstbewusste Kirchen in der Diaspora.

Dieser Weg führt uns aus der Selbstgenügsamkeit zur Einsicht der gegenseitigen Bereicherung, aus der Enge in die Weite, aus der Abgeschlossenheit ins Offene. Die Freiheit wird gelebt als Verantwortung. So wie die Reformation ihre Auswirkungen hatte auf alle gesellschaftlichen Bereiche, auf Politik und Wirtschaft, auf Kunst und Kultur, auf Bildung und soziales Miteinander, ihren Beitrag gab zur Entwicklung von Demokratie und Menschenrechten, für die Gleichberechtigung der Frauen und den Einsatz für Minderheiten, so bestärkt uns das Jahr 2017, diesen Einsatz fortzusetzen und zu verstärken. Gerade das zunehmend säkulare Europa braucht dieses öffentliche Wirken von Kirchen und Religionen.

Wenn das gelingt, dann ist das Jahr 2017 kein Endpunkt. Das Reformationsjubiläum wird seine Auswirkungen haben, die das Bild unserer evangelischen Kirchen und ihre Wahrnehmung über 2017 hinaus prägen wird. Weil ich für meinen Buchstabensalat jetzt dringend ein „N“ brauche, sage ich dazu: Nachhaltig feiern!

Ja, das Reformationsjubiläum ist ein Grund zu feiern!

Hon.-Prof. Dr. Michael Bünker, Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich

Leymah Gbowee Fest 500 - Die Akteure

Die charismatische liberianische Friedensnobelpreisträgerin, Streetworkerin und Frauenrechtlerin ist am 30.09.2017, ab 17.30 Uhr, auf der Festbühne vor dem Wiener Rathaus zu erleben.

Impressionen aus der Wiener Pagode 500 Jahre und ein Fest - die Pagoden

„Frech, modern und mit Tiefgang“ – so präsentierte sich das Zelt der Evangelischen Diözese A.B. auf dem Rathausplatz.

Der kleine Unterschied Was Lutheraner, Reformierte und Methodisten voneinander unterscheidet?

Worin unterscheiden sich die drei evangelischen Konfessionen voneinander?