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Was ist die Reformation?

Erneuerung der Kirche von unten bis oben? Die erste bürgerliche Revolution? Die Spaltung des christlichen Abendlandes? Der Beginn der Neuzeit? Eine Bewegung gegen die Angst? – Urteilen Sie selbst:

Was wir als „DIE Reformation“ bezeichnen, ist eine von vielen Reformbewegungen, die die Geschichte des Christentums von Anfang an begleiten – allerdings wohl die folgenschwerste. Immer wieder traten Christen gegen die Verweltlichung und Klerikalisierung der organisierten Kirche auf. Einige dieser Bewegungen integrierte die Kirche, andere wurden grausam verfolgt. Franz von Assisi etwa, der Prediger der Armut und der Gottes- und Menschenliebe, wurde heiliggesprochen. Er und seine Anhänger hätten aber auch leicht exkommuniziert und verfolgt werden können wie etwa die Waldenser.

Die Vorreformatoren Waldes, Wyclif und Hus

Als „Vorreformatoren“ werden drei Männer bezeichnet, die wichtige Gedanken der Reformation vorweggenommen und zumindest in ihrer Heimat viele Anhänger gefunden haben.

Als erster ist der Lyoner Kaufmann Waldes zu nennen (der Vorname „Petrus“ ist nicht verbürgt), der sich unter dem Eindruck der Evangelien zur Armut bekehrte. Er und seine Anhänger und Anhängerinnen zogen als asketische, besitzlose Bußprediger durchs Land. 1184 wurden sie exkommuniziert und durch die Jahrhunderte blutig verfolgt. Dennoch verbreitete sich die Bewegung nicht nur in Südfrankreich und Norditalien, sondern auch bis Steyr, Krems und Südböhmen. Die Waldenser schlossen sich der Reformation an und sind heute vor allem in Italien und Südamerika verbreitet.

John Wyclif (auch Wiclif, Wicliffe, Wiclef, Wycliff, Wycliffe, Theologieprofessor in Oxford, etwa 1328 bis 1384) polemisierte zunächst als englischer Patriot gegen die Vorrechte der Päpste und Mönche, vertiefte seine Kritik dann theologisch und betrachtete die römische Kirche mit ihren Praktiken als den Antichrist. Viele seiner Anhänger wurden hingerichtet.

Jan (Johannes) Hus (Universitätslehrer und Prediger in Prag, etwa 1369 bis 1415), verhalf den Gedanken Wyclifs an der Universität und in ganz Böhmen zu großer Verbreitung. Unter Zusage „Freien Geleits“ (also der unbeschädigten Rückkehr) wurde er vor das Konzil zu Konstanz geladen und dort als Ketzer verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt – denn einem Ketzer musste, ja durfte man keinen Schutz gewähren. Damit war Hus für die tschechischen Wyclifiten Märtyrer und Nationalheiliger. Ihr besonderes Anliegen war der „Laienkelch“ (Abendmahl in beiderlei Gestalt, Utraquisten). Die Kirche der Böhmischen und Mährischen Brüder führt das Erbe von Jan Hus fort.

Jan Hus

Gemeinsam ist den Vorreformatoren, dass für sie die Bibel als das „Gesetz Gottes“ die einzige Grundlage des Glaubens und Lebens war. Von daher lehnten sie den Reichtum der Hierarchie, die Heiligenverehrung, die Ablässe und andere Praktiken der Römischen Kirche ab. Diese Gedanken spielten dann in der Reformation eine große Rolle.

Eine Reformation – drei Zweige

Um 1520 wurden in verschiedenen Gegenden des Deutschen Sprachraums Bewegungen aktiv, die die herrschenden Zustände in der Kirche nicht nur kritisierten, sondern unter Berufung auf die Heilige Schrift konkrete Veränderungen vornahmen – „Die Reformation“. Herkömmlicherweise unterscheidet man dabei drei Richtungen: Die Lutheraner, die Reformierten und die Täufer.

„Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ war die Frage, die den Mönch, Ordensoberen und Bibelprofessor an der Wittenberger Universität Dr. Martin Luther (1483-1546, ursprünglich Luders, Lüders) umtrieb: Wie kann ich Frieden mit Gott und mit mir selbst finden? Auf seine Grundfrage bekam er erst Antwort, als ihm beim Bibelstudium klar wurde: Mit aller frommen Bemühung können wir uns das Heil nicht verdienen – aber wir brauchen es auch nicht: Gott schenkt es uns aus lauter Gnade, weil Jesus Christus für uns gestorben und auferstanden ist. Sache des Menschen ist, das im Glauben anzunehmen und daraus zu leben zur Ehre Gottes und zum Wohl des Nächsten. „Allein die Bibel, allein die Gnade, allein der Glaube, allein Christus“, das wurde der Kampfruf der Reformation. Das machte die „frommen Werke“ wie Fasten und Wallfahrten, den Zölibat der Priester und auch die Klöster überflüssig: Der Glaubende hat direkten Zugang zu Gott. Luthers Bibelübersetzung kommt besondere Bedeutung zu; sie gilt auch als Quelle der gemeinsamen Deutschen Schriftsprache.

Martin Luther

Die Habsburger haben die „Ketzer“ mit allen Mitteln bekämpft. Daher leben die meisten LutheranerInnen heute in Norddeutschland, Skandinavien und Nordamerika. In Österreich gehören sie zur „Evangelischen Kirche A.B. (Augsburgischen Bekenntnisses)“.

Die Reformation, die Ulrich (Huldrych) Zwingli (1484-1531) in Zürich durchsetzte, war radikaler als die Luthers: Wollte Luther nur beseitigen, was der Heiligen Schrift widersprach, schaffte Zwingli alles ab, was nicht in der Bibel begründet war. So gab es in den „nach Gottes Wort reformierten“ Kirchen keine Bilder, keinen Altar und lange auch keine Musik, außer dem Gemeindegesang. Die Übersetzung der Heiligen Schrift in die Eidgenössische Kanzleisprache, die er zusammen mit Leo Jud anfertigte, ist die Grundlage der „Zürcher Bibel“, die bis heute als besonders genau und textnah gilt.

Huldrych Zwingli

Johannes Calvin (Jean Cauvin, 1509-1564) schrieb die „Institutio Christianae Religionis“, die erste evangelische Dogmatik (Glaubenslehre). Er wollte in Genf nicht nur die Kirche, sondern auch die Gesellschaft total „nach Gottes Wort reformieren“. Vergnügungen und Luxus wurden verboten, Ehrlichkeit, Fleiß, Sparsamkeit, Disziplin gefordert. Abweichungen im Glauben und in der Lebensführung wurden streng bestraft. Es gab auch Gefängnis, Verbannung und Todesurteile.

Johannes Calvin

Nachdem die reformierten Hugenotten aus Frankreich blutig vertrieben wurden, leben heute die meisten Reformierten in der Schweiz, Holland und Nordamerika. In Österreich gehören sie zur „Evangelischen Kirche H.B. (Helvetischen Bekenntnisses)“. Die „Low Church“ der Anglikanischen Kirche steht ihnen nahe.

Der radikalste „linke“ Flügel der Reformation sind die Täufer – so genannt, weil sie die Säuglingstaufe ablehnten: Erst Glaube, dann Taufe! Die meisten Gruppen lehrten die Gleichheit aller Gläubigen und lehnten Privateigentum und Gewalt ab (so in Tirol Jakob Hutter, 1536 vor dem Goldenen Dachl auf dem Scheiterhaufen verbrannt). Es gab aber auch welche, die ihre Lehre mit Gewalt verbreiteten und gegen die Herrschenden aufstanden (etwa Thomas Müntzer). Alle wurden durch die Jahrhunderte blutig verfolgt. Hutterer, Mennoniten und Amish gehen auf sie zurück.

Was also ist die Reformation?

Je nach dem Standpunkt des Betrachters wird das Urteil anders ausfallen. Aber eines ist sicher: Die Reformation hat im Abendland die größten Auswirkungen auf das geistige, wirtschaftliche, politische und religiöse Leben gehabt. Ihr verdanken wir auch unsere Evangelischen Kirchen.

Bernd Hof

Bernd Hof, Evangelische Pfarrgemeinde Innsbruck Christuskirche. Erschienen in der Gemeindezeitung  „Die Brücke“, Nr. 59, September 2015

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