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Rede von Bundespräsident Dr. Alexander Van der Bellen

beim Festakt anlässlich „500 Jahre Reformation“

im Großen Saal des Wiener Musikvereins

Dienstag, 24. Oktober 2017, 15:00 Uhr

Hohe Festversammlung!

Ich danke Ihnen für die Einladung zum gemeinsamen Nachdenken über „500 Jahre Reformation“ und die Bedeutung der Epoche für Europa. Ich freue mich sehr über die Möglichkeit, beim heutigen Festakt das Wort zu ergreifen.

Ich möchte das extra betonen. Denn ich habe gehört, dass in der Zeit der intensiven Planungen des Reformationsjubiläums 2017, in manchen europäischen Ländern, auch deutlich skeptische oder verwunderte Wortmeldungen zu hören und zu lesen waren, wie:

Ein Festakt, warum?

Feiern, was denn?

Gedenken, wozu?

Wozu überhaupt sich Gedanken machen über eine rein innerkirchliche Angelegenheit? Und liest sich die Geschichte der Kirchenspaltung mit den darauffolgenden Kriegen, gegenseitigen Verfolgungen und lange Zeit einzementierten Feindschaften denn nicht ohnehin wie eine europäische „Chronique scandaleuse“?

Ich finde, und das wurde heute schon mehrmals angeschnitten, dass der Jubiläumsfestakt, wichtig und richtig ist. Er ist viel mehr als eine geschichtliche Betrachtung. Wir haben von meinen Vorrednerinnen und Vorrednern bereits viele wertvolle Impulse in diese Richtung erhalten.

Ich möchte mich als Schlussredner daher auf die Gegenwart konzentrieren:

Meine Damen und Herren!

Das Mündigwerden des Einzelnen, der Ruf nach individuellen Freiheiten, und letztlich nach politischer Freiheit und Teilhabe, hat eine seiner Wurzeln in der Reformation. Das ist ein kostbareres Erbe. Es war wichtig, heute daran zu erinnern.

Heute können wir sagen:

Ja, der Weg von der Kirchenspaltung hin zu Frieden und Versöhnung war lang und steinig. Aber die Ökumene hat in Europa große Fortschritte gemacht. Viele Divergenzen wurden sukzessive beseitigt. Es gibt unzählige Brücken zwischen den Konfessionen und eine gelebte Gemeinsamkeit, die über einen langen Zeitraum hin undenkbar war.

Mit anderen Worten:

Die persönliche Vertrauensbasis zur Überwindung der Spaltung wurde in der Vergangenheit gesucht und gefunden. Und alle arbeiten mit allen institutionell zusammen, ohne schon theologisch alles bis ins Detail abgeklärt zu haben.

In Österreich haben diese Veränderungen Ausdruck gefunden in vielen gemeinsam besetzten Gremien und gegenseitigen Hilfen. Ich denke da an die Mitarbeit im Österreich-Konvent 2003-2005 auf der Basis eines gemeinsamen „Sozialwortes“. Oder an die großartige Zusammenarbeit bei der Bewältigung der Herausforderungen durch die Flüchtlingsbewegung nach Europa.

Ich glaube schon, dass man sagen kann: Die Ökumene in Österreich ist mustergültig.

Und nun haben wir das Reformationsjubiläum 2017. Werfen wir einen kurzen Blick zurück:

Die Jahrhundertfeiern waren von Anfang, also von 1617 an, Großereignisse, politisch überhöhte, als Staatsakte geplante und beauftragte Veranstaltungen. Die Politik hat sie benutzt, oft auch missbraucht.

Ich erwähne nur das vergangene Jubiläumsjahr 1917, als, mitten im Ersten Weltkrieg, Luther und die Reformation für Herrschaftsansprüche in Europa verwendet wurden.

Oder an das erste Jubiläum 1617, als der Fragenkomplex „Ablass“ im Mittelpunkt des andauernden konfessionellen Streits stand. Die Ausrichtung des Jubiläums war anti-katholisch, die Botschaft lautete „Befreiung von Rom!“

Das Jubiläum 2017 ist nun erstmals ein Fest der Besinnung; Erstmals ein Fest des Religionsfriedens und der Akzeptanz des religiösen Pluralismus, erstmals ein Fest der Zusammenarbeit im Dienste der Menschen und der europäischen Einigung. Und das alles soll es nicht wert sein, gefeiert zu werden, wie die eingangs erwähnten Kritiker meinten?

Meine Damen und Herren!

Religionsfriede ist – wie Friede überhaupt – eine komplexe menschliche Leistung. Er entsteht nicht automatisch, er ist keine Selbstverständlichkeit. Im Namen Gottes und im Namen einer Religion Grundrechte zu verletzen, oder zu zertrampeln, ist ein Angriff auf die mühsam errungenen Menschenrechte.

Grundrechte sind eine zivilisatorische Errungenschaft. Freiheiten und Freiheitsrechte gilt es daher immer zu verteidigen. Und die christlichen Kirchen in Österreich leisten dazu ihren Beitrag.

Die Kirchen haben auch zum Aufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg von Anfang an gewichtige Beiträge geleistet. Im Österreich-Konvent haben die Kirchen und Religionsgesellschaften einmütig erklärt, wenn nötig gemeinsam mit anderen für das Friedens- und Versöhnungsprojekt Europa einzutreten. Für die Einigung Europas zu werben und sie tatkräftig mit ihren Mitteln und durch ihre Mitglieder zu unterstützen. Mit dem Unionsvertrag wurde den anerkannten Kirchen und Religionsgesellschaften auch eine europäische, gesellschaftspolitische Rolle zugewiesen:

Sie sind besondere Institutionen der Zivilgesellschaft, den anderen Interessenvertretungen nicht gleichgeordnet. Aufgrund ihres besonderen Beitrages zum europäischen Einigungsprozess und in Anerkennung ihrer europäischen Identität sollen sie weiterhin für Menschen eintreten, die keine Lobby haben, für Menschen, deren Stimme in der Politik zu schwach ist, um gehört zu werden, oder die überhaupt keine Stimme besitzen.

Die Kirchen und anderen Religionsgesellschaften sind zu konsultieren in ethischen Fragen. Sie sind bei grundlegenden Weichenstellungen der europäischen Entwicklung um ihre Stellungnahme zu ersuchen. Der Dialog findet regelmäßig statt. Alle Organe der Union sind dazu verpflichtet.

Die Vertreter der religiösen Institutionen erfüllen diese ihre europäische Aufgabe durch Mitarbeit in den Ausschüssen der Union, z.B. in der Forschungsethik, und in den jährlichen Konsultationen der Europäischen Kommission über die Zukunft Europas.

Steht also alles zum Besten?

Vielleicht sehen manche von Ihnen da und dort Gründe, noch nicht zufrieden zu sein.

Aber auch das großartige Werk der europäischen Einigung ist kein status quo, sondern muss immer wieder neu gedacht und weiterentwickelt werden. Stichwort Brexit, Stichwort Katalanien, Stichwort nationalistische Strömungen und Egoismen in Europa

Meine Damen und Herren!

Was für Konfession und Religion gilt, gilt erst recht für die Politik:

Frieden und ein gedeihliches Miteinander brauchen immer ein gemeinsames Wollen, eine große Bemühung. Auch Versöhnung ist immer nur möglich mit dem Blick nach vorne, aber ohne das Vergangene zu verdrängen, zu beschönigen oder zu vergessen.

Das können wir lernen mit dem Blick auf „500 Jahre Reformation“.

In diesem Sinn danke ich nochmals herzlich für die Einladung.

Fest500 – Das Programmheft Refomation bewegt. 500 Jahre und 1 Fest

Das Programmheft zur Orientierung auf dem Festgelände mit dem Programm für die drei Bühnen u.v.m.: hier zum Downloaden.

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