Foto: www.geo.de
Rolf Morenz, Autor

Die Welt befindet sich im Spätmittelalter und in der beginnenden Neuzeit im Umbruch. Es gibt keine Sicherheiten mehr, die Menschen suchen nach etwas, das ihnen Gewissheiten geben kann und die Welt erklärt. Die einzige Unveränderliche ist die Institution der Kirche. Die (katholische) Kirche diktiert den verunsicherten Gläubigen, wie sie ihr Leben zu führen haben und droht mit dem ewigen Höllenfeuer, sollten sie sich nicht an die von der Kirche erlassenen Gebote und Verbote halten. Es ist den Theologen vorbehalten, die Bibel auszulegen und Gottes Wille zu verkünden. Die Folgen einer Missachtung sind im Diesseits zu spüren: Naturkatastrophen, Ernteausfälle, Krankheiten. Im Jenseits werden die Gläubigen für ihre Sünden mit Qualen endgültig in der Hölle bestraft oder müssen zeitlich beschränkte Sündenstrafen im Fegefeuer absitzen.

In der Bibel gibt es übrigens keinen ausdrücklichen Hinweis auf dieses Fegefeuer. Im Altertum war es als ein Ort der Läuterung gedacht (lat. Purgatorium = Reinigungsort), als ein Aufenthaltsort der Seele nach dem Tod, sofern sie nicht als heilig unmittelbar in den Himmel aufgenommen wird. Die armen Seelen haben immer die Gewissheit, nach der vollkommenen Läuterung daraus entlassen zu werden, und zwar stets in Richtung Himmel. Langsam kehrt sich die Bedeutung aber um. Im 6. Jahrhundert spricht Papst Gregor bereits von einem „Reinigungsfeuer“. Das Fegefeuer wird zu einem Ort, in dem Sündenstrafen verbüßt werden, zu einem Ort des Schreckens. Diese Vorstellung des Fegefeuers setzt sich allmählich auch im Volksglauben fest. Es ist hilfreich, die Schrecken des Fegefeuers und des Jenseits besonders drastisch auszumalen und gleichzeitig Hilfe für die „verlorenen Seelen“ anzubieten.

Die Priester, Repräsentanten der Kirche, üben durch ihre Vermittlerfunktion zwischen den Gläubigen und Gott Macht aus. Und die Macht der Kirche reicht über das Diesseits hinaus. Von Christus und den Heiligen wurde durch ihre frommen Werke ein Schatz von Verdiensten angehäuft, mehr als notwendig war, um in den Himmel zu kommen. Der Papst kann nun einem Sünder einen Teil aus diesem Schatz zukommen lassen, um für ihn die Qualen und die Zeit im Fegefeuer zu verkürzen oder ganz zu beenden. Diese Großzügigkeit ist aber nicht kostenlos. Um einen derartigen Ablass zu erhalten, muss man Buße leisten, am besten durch gute Werke, Gebete, Wallfahrten, auch die Teilnahme an einem Kreuzzug ist hilfreich oder Almosen und Spenden.

Angst-Schrecken

Ab dem 13. Jahrhundert bürgert sich immer mehr der käufliche Erwerb von Ablassbriefen ein. So kostete etwa der Ablass für einen Meineid neun Dukaten, für einen Mord dagegen nur acht Dukaten. Die Erlöse daraus sind eine wesentliche Einnahmequelle des Vatikans. Die Päpste finanzieren damit ihr luxuriöses Leben, die Kriege des Kirchenstaates, den Bau von Kathedralen. Papst Julius II. begann ein großes Projekt: den Bau der Peterskirche. Dafür war der Erlös eines von ihm 1506 neu ausgeschriebenen Ablasses gedacht.

Nach seinem Tod wird das Projekt von Papst Leo X. weiter gefördert und der Ablass verlängert. Weitere Nutznießer eines solchen Ablasshandels sind immer auch die Bischöfe, die Landesherren und die Städte, in denen verkauft wird. Bei diesem neuen Ablass ist es vor allem Albrecht, Erzbischof von Magdeburg, der zusätzlich noch das Erzbistum Mainz übertragen bekam, natürlich gegen Bezahlung einer nicht unerheblichen Gebühr, finanziert mit einem Kredit der Fugger. Gegen die Zusage aus Rom, die Hälfte der Ablasserlöse zu erhalten, nimmt er die Stelle eines „Ablasskommissars“ an und erklärt, in seinen Landen den Ablass zu verkaufen (der Ablassprediger Tetzel wird dann von Vertretern des Bankhauses Fugger begleitet, die den Anteil Albrechts gleich kassieren).

Tetzel-in-Pirna

Manche Landesherren verweigern den Kommissaren, die die Bevölkerung regelrecht ausplündern, in ihrem Land Ablasshandel zu betreiben. So hat sich auch der Landesherr von Sachsen, Kurfürst Friedrich, gegen den „Peterskirchen – Ablass“ ausgesprochen, der dadurch nicht in Wittenberg verkauft werden darf. Es ist aber kein seelsorgerisches oder soziales Verantwortungsbewusstsein seinen Landeskindern gegenüber, sondern es sind rein wirtschaftliche Überlegungen. Es gibt nämlich noch eine andere Möglichkeit, Ablass zu erhalten: durch Anschauen, Berühren oder Küssen von Reliquien. An Heiligengedenktagen oder bestimmten Festtagen werden diese Reliquien feierlich zur Schau gestellt und den Gläubigen ein spezieller Ablass gewährt. Wallfahrten haben dadurch Kirchen zum Ziel, die besonders wunderkräftige Reliquien beherbergen. Ein Besuch bedeutet natürlich für die betroffenen Städte oder Pfarren auch immer Einnahmen durch Spenden und Geld, das die Gläubigen an den Wallfahrtsorten ausgeben. Der Kurfürst von Sachsen ist nicht nur daran interessiert, dass das Geld der Leute in Sachsen bleibt, sondern auch, dass viele Gläubige nach Sachsen kommen, um sich hier (gegen Geld) Reliquien zeigen zu lassen. Auch er profitiert von der Gewissensnot und der Ablassgläubigkeit der Menschen. Friedrich besitzt eine der größten Reliquiensammlungen. Sie umfasst ungefähr 20.000 Stück. Die wertvollsten sind ein Dorn der Krone Christi, vier Haare der Jungfrau Maria, ein Stücken der Christuswindel und eine Brotkrume vom letzten Abendmahl (!). Die Wittenberger Schlosskirche, in der die Sammlung Friedrichs gezeigt wird, ist daher ein starker Anziehungspunkt. Einen speziellen Ablass gibt es alljährlich am Allerheiligenfest (1.November).

Um gegen diese Konkurrenz zu bestehen, muss man Werbung machen und sich Neues einfallen lassen. Genau das macht Albrecht: man kann nun auch für Tote Ablassbriefe kaufen, wodurch sich der Abnehmerkreis vervielfacht. Die Werber bringen die Menschen in Gewissensnöte, denen die Pflicht auferlegt ist, auch ihren lieben Verstorbenen zu helfen, die womöglich noch im Fegefeuer sind. So wird der Bevölkerung noch das letzte Geld aus der Tasche gezogen. Eine weitere Neuerung ist, dass der Käufer eines Ablasses seine Sünden im Augenblick des Kaufes nicht zu bereuen braucht.

Damit hat man aber übertrieben. Obwohl die Praxis des Ablasshandels seit dem 11. Jahrhundert weitgehend unangefochten ausgeübt wurde, wird nun eine schon seit längerem schwelende Diskussion unter Theologen neu befeuert. Martin Luther, Augustinermönch und Theologieprofessor an der Universität von Wittenberg (Lehrstuhl für Bibelauslegung), ist ebenfalls besorgt über die Entwicklung des Ablasshandels. Er warnte bereits 1516 vor einer falschen Auffassung der Buße. Vor allem in Predigten hat er seinen Zuhörern wiederholt eingeschärft, dass man Gottes Ehre Abbruch tue, wenn man Ablässe ohne wahrhafte innere Reue und Buße erwirbt. Die neue Art des Ablasshandels, besonders der Ablass ohne Reue, trifft ihn nun im Innersten, hat er sich doch in einem qualvollen Prozess lange mit Schuld und Buße beschäftigt. Er ist dabei im Gegensatz zur Lehre der mittelalterlichen Kirche zur Auffassung gelangt, dass der Mensch ganz ohne Verdienst, allein durch die Gnade Gottes, Rechtfertigung erfahre, wenn er Christus im Glauben annimmt.

Um die Problematik des Ablasses grundsätzlich zu klären, entwirft er seine Thesen und schickt sie mit einem Begleitschreiben an Erzbischof Albrecht und an den Bischof von Brandenburg, seinen unmittelbaren Vorgesetzten. Er ersucht, die Anweisungen an die Prediger (Ablass ohne Reue) zu widerrufen und äußerst entschieden seine Bedenken gegen diesen Ablass. Dieser Brief, der im Original erhalten ist, ist gleichzeitig ein Hinweis darauf, dass Luther zuerst eine Reform innerhalb der Kirche und keine Spaltung der Kirche wollte. Das Schreiben datierte laut Luthers Angaben vom 31. Oktober 1517. Die weitreichenden Folgen seiner 95 Thesen sind bekannt.

Ein Beitrag von Rolf Morenz, http://www.evang-voecklabruck.at/

Erlebe Martin Luthers Abenteuer Lerne den Reformator Luther spielerisch kennen!

Martin Luther soll ein mal gesagt haben: Das Evangelium kann nur mit Humor gepredigt werden!

Buchtipp: Wahrhaftig sein in der Liebe Wesleys Lehrpredigten neu entdeckt

Die Lehrpredigten Wesleys geben einen Einblick wie Wesley die Lehren der Reformation mit den Lehren der Alten Kirche verbunden hat.

Ich glaub´s! Leona Lewis´"Footprints in the sand" und Sarahs Glaube

Wie fühlt sich evangelischer Glaube an? Das lässt sich am leichtesten mit einem Lied beschreiben!

So klingt Reformation Konzert in der Gustav-Adolf-Kirche in Wien-Gumpendorf

Festkonzert der Wiener Chöre zum Reformationsjubiläum – Auftragswerke uraufgeführt

Gott und die Welt Woran glauben wir?

Woran glauben wir? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine aktuelle Ausstellung im Schloss Trautenfels.

Reformation und Gesellschaft Die Rolle des Buchdrucks in der Reformation

Die Reformation war nicht nur für die Kirche, sondern auch gesellschaftlich sehr bedeutsam.