Foto: Lucas Wahl

Im Morgengrauen wirft der Mann im weißen Overall Rettungswesten auf das Schlauchboot. Klaus Vogel ist 59 Jahre alt, blaue Augen, grauer Stoppelbart, von Beruf Kapitän. Viele Jahre ist er auf großen Containerschiffen gefahren, hat T-Shirts nach Europa transportiert und Flachbildschirme nach Amerika, hat den Pazifik durchquert, den Atlantik, das Mittelmeer. Als er die 74 Flüchtlinge im Bild vorm Ertrinken retten wird, weiß er noch nicht, dass die meisten von ihnen nicht schwimmen können und noch nicht einmal Schuhe tragen. „Wie soll man einem Kind erklären, dass wir die Menschen einfach ertrinken lassen?, fragt Klaus Vogel, der kürzlich Großvater wurde. Für die Gründung des Vereins SOS Méditerrannée 2015 fand er MitstreiterInnen, die ähnlich fühlten wie er: Geschwister, Freunde, Seeleute und Reeder, PolitikerInnen, SchauspielerInnen, ÄrztInnen und Krankenschwestern, die sich normalerweise um Menschen in Krisengebieten kümmern. Jetzt helfen sie im Katastrophengebiet namens Mittelmeer, mitten in Europa. Sie suchten Spender und fanden Geld, mehr als eine Million Euro. Sie suchten ein Schiff und fanden die Aquarius. Die täglichen Kosten belaufen sich auf 11.000 Euro. Bis heute hat der Verein zirka 15.000 Menschen sicher nach Italien gebracht.

Der Druck auf SOS Méditerrannée und andere Seenotretter wächst in letzter Zeit. Sie scheinen auch der EU ein Dorn im Auge zu sein. „Am 23.05.2017 wurden von einem Schiff der von der EU ausgebildeten libyschen Küstenwache Schüsse abgefeuert – in unmittelbarer Nähe mehrerer in Seenot befindlicher Flüchtlingsboote und des Rettungsschiffs „Aquarius“ von SOS Méditerranée und Ärzte ohne Grenzen. Flüchtende wurden massiv bedroht. In der dadurch entstandenen Panik sprangen mehr als 60 Menschen von den Booten. Wie durch ein Wunder kam niemand zu Schaden“, macht SOS Méditerranée am 6.6.2017 in einem Brief an die deutsche Bundeskanzlerin auf die unhaltbare Situation aufmerksam.

Ich wünsche mir, dass einige der wichtigen Entscheidungsträger der EU einmal auf unserem Schiff mitfahren. Dann würden sie die Not verstehen. Dann würde sich die Politik in Europa ändern. Da bin ich ganz sicher.

Klaus Vogel

Klaus Vogel tritt am 30.09.2017 als Mutmacher im Themenbereich „Gerechtigkeit“ auf der Bühne am Wiener Rathausplatz auf.

 

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