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Burkhard Weitz chrismon

Als Luther einmal aus Furcht vor der geweihten Hostie fast zusammenbrach, beruhigte ihn sein Beichtvater: Vom Gott der Bibel habe er nichts zu fürchten, er sei über alle Maßen gnädig. Später fand Luther dies beim Bibelstudium bestätigt. Er begann, Gottes Gerechtigkeit als Geschenk zu verstehen. „Da hatte ich das Empfinden, ich sei geradezu von neuem geboren und durch geöffnete Tore in das Paradies selbst eingetreten.“ Begierig nahmen Millionen von Menschen Luthers scheinbar schlichte Erkenntnis auf.

Im Mittelalter lebten die Menschen eng zusammen, die soziale Kontrolle war groß, eine rigide Morallehre förderte die Neigung zu Schuldgefühlen. Zur Entlastung bot die Kirche Wallfahrten, Stiftungen und Ablässe an. Die wurden mit Luthers Erkenntnis weitgehend überflüssig.

Du bist geliebt, du musst nichts dafür tun

Heutzutage versucht kaum jemand, dem Teufel durch Fasten, Selbstkasteiungen und Gebet beizukommen. Bevölkerungswachstum und technischer Fortschritt haben das Leben unüberschaubarer und anonymer gemacht. An die Stelle religiöser Geschäftigkeit ist innerweltliche Betriebsamkeit getreten, der Kampf, eigenen und fremden Ansprüchen zu genügen. So mühsam sich bei Luther die Erkenntnis des gnädigen Gottes durchsetzte, so mühsam kommt beim modernen Menschen die schlichte Gewissheit an: Du bist geliebt, du musst nichts dafür tun.

Viele Suchtkranke, die dem Griff ihrer Sucht entkommen konnten, bestätigen diese Erfahrung. Aus ihrer Alkohol- oder Drogenabhängigkeit wissen sie, was es bedeutet, Glück herbeizuzwingen und die Angst vor Niederlagen zu betäuben. Und dass sie dem Teufelskreis der Sucht nur entrinnen können, wenn sie ihre Machtlosigkeit anerkennen. Den Mut, sich dem Scherbenhaufen der eigenen Biografie zustellen, ihn nicht kleinzureden oder zu verdrängen, kann man sich nicht einreden. In der Erfahrung von Ohnmacht kommt er von allein. Dann wird ein Mensch offen dafür, dass es tatsächlich eine Macht gibt, die größer ist als er selbst. Wer diesen Mut spürt, muss nicht länger Erwartungen erfüllen. Er wird frei, einfach nur das Richtige zu tun.

 

Burkhard Weitz ist Theologe, Religionswissenschaftler, ordinierter Pfarrer und Journalist.

Die ausführliche Version seines Artikels finden Sie hier:

http://chrismon.evangelisch.de/artikel/2014/luthers-revolutionaere-einsicht-nur-eine-episode-22536

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